Neuzeit

ab 1650

Neuhochdeutsch

Bettina-Turm (Stadtmauer) Marburg

  • Normales Klima
  • Migration (u.a. nach Übersee)
  • Klassizismus, Romantik
  • Entwicklung der deutschen Standardsprache
  • Normierung
Das Klima normalisiert sich wieder. Migration gibt es weiterhin - weniger jedoch innerhalb Europas als vielmehr aus der Alten Welt nach Übersee.
 
Mit der Entwicklung des Neuhochdeutschen wird im Wesentlichen die Stufe des heutigen Standarddeutschs erreicht. Erstmals werden Wörterbücher und Grammatiken erstellt und verbreitet, was zusammen mit den sogenannten - von Adligen und Bildungsbürgern getragenen - Sprachvereinen für eine Etablierung des Ostmitteldeutschen als gemeinsame Schreibnorm im Deutschen Reich sorgt. Diese auch maßgeblich von Frauen initiierten barocken Sprachgesellschaften als Wegbegleiter der Sprachentwicklung hin zu ihrer weitestgehend als abgeschlossen gesehenen Normierung verzichten möglichst auf die Integration von als fremd oder ausländisch empfundenen Wörtern. Dennoch stehen diese Gesellschaften eher für einen Kulturpatriotismus als für einen Kulturnationalismus.
 
Sorgt das katholisch motivierte Zeitalter des Barock für eine (zumindest damals so empfundene) Ästhetisierung der Sprache ("barocke Sprachfülle"), so beeinflussen auf protestantischer Seite die Ausdrucksformen der Pietisten sowie das protestantische Kirchenlied die deutsche Sprache in einer Weise, die sie als Motor und Werkzeug für die Epochen sowohl der Klassik als auch der Romantik wirken lässt.
 
Im 17. Jahrhundert gewinnt auch die Komposition als Wortbildungstyp an Bedeutung. Eine Erscheinung, für welche die deutsche Sprache auch im 21. Jh. noch singulär stehen wird. Dies ermöglicht eine Fülle von neuen Begriffen. In Bereichen der Verwaltung - besonders in den immer mehr an Bedeutung gewinnenden Kanzleien - entwickeln sich Benennungen, von denen allerdings die meisten in späteren Zeiten ihre Relevanz verlieren werden - dort, wo alle Behörden eine eigene für die Mitarbeiter/innen vorgesehen Toilette haben werden, dürfte wohl niemand mehr die sogenannten "Kanzleinotdurftskosten" abrechnen müssen.
 
Ab dem 18. Jahrhundert ist es das Englische, welches die deutsche Sprache stärker beeinflusst. Dies vor allem bedingt durch Großbritanniens Bedeutungsgewinn als Großmacht, deren verstärkte Beteiligung am internationalen Handel und der beginnenden Industrialisierung.
 
An den deutschen Universitäten ist ein Sprachenwechsel vom Lateinischen zum Deutschen offensichtlich. Verständlicherweise gilt dies besonders für protestantische Hochschulen.
 
Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht (zunächst in Preußen, später auch im Habsburger Reich) sorgt ebenso für eine Verstetigung der Sprachnormierung wie auch die inzwischen periodisch erscheinenden Wochenzeitungen.
 
Es entsteht eine (bildungs-)bürgerliche Sprachkultur, befördert durch die klassische Literatur, welche in ganz Europa Anerkennung genießt. Kritisiert wird im europäischen Vergleich jedoch die im Deutschen wenig ausgeprägte lebendige Rede, welche vor allem in Großbritannien und Frankreich eine hohe Bedeutung hat.
 
Für das Bildungsbürgertum jedenfalls entsteht über die klassische Sprache der Literatur eine zumindest als solche empfundene sprachliche Einheit, die im politischen Umfeld weit weniger entwickelt ist.
 
Der Germanist und Bibliothekar Johann Christoph Adelung (1732-1806) wird später zwar weniger bekannt sein als viele seiner im 18. Jahrhundert die deutsche Sprache prägenden Zeitgenossen - von diesen teilweise auch ob seines Anspruchs auf Sprachreinheit verspottet. Sein "Versuch eines vollständigen grammatisch-kritischen Wörterbuchs der hochdeutschen Mundart", das erste große Wörterbuch der deutschen Sprache, behält allerdings lange seine Bedeutung. Das später erscheinende Wörterbuch der Romantiker und Sprachforscher Jacob und Wilhelm Grimm ist jedoch nicht als Fortführung oder Konkurrenz zu sehen; Adelung akzeptiert auch Fremdwörter - die Gebrüder Grimm nicht. Für diese hingegen ist es selbstverständlich, "primitive" oder "pöbelhafte" Begriffe aufzunehmen, was wiederum für Adelung undenkbar scheint.
 
Jacob und Wilhelm Grimm ist es zu verdanken, dass erstmals die bereits erkannten, aber noch kaum verstandenen "Verwandtschaftsverhältnisse" der sogenannten Indoeuropäischen Sprachen erforscht werden. Die Zusammenhänge und sich über die beiden historischen Lautverschiebungen entwickelten Gesetzmäßigkeiten innerhalb der Geschichte der Indoeuropäischen Sprachen werden als "grimm's law" ihre Bedeutung auch später nicht verlieren. Dem breiten Publikum ist der Name Grimm vor allem durch die von Ihnen gesammelten "Kinder- und Hausmärchen" sowie deutscher Sagen und Mythen bekannt, wobei die beiden tatsächlich sammeln lassen ... Obwohl die beiden Grimms einen Teil der mit dem Märchen-Projekt verbundenen Arbeit also auslagern, reicht ihnen die verbliebene Zeit für ihr wissenschaftlich gesehen wichtigstes Projekt nicht aus. Ihr eigentliches Vermächtnis - das "Deutsche Wörterbuch" - können sie zeitlebens nicht fertigstellen - dies sollte erst 1961 durch die Berliner Akademie erfolgen. Jakob Grimm, der seinen Bruder um vier Jahre überlebt, verstirbt 1863, als er beim Buchstaben F angelangt und mit dem Artikel "Frucht" beschäftigt ist. Den Unterschied zwischen "Frucht" und "Obst", abhängig davon, wann und in welchem Kontext Erstere gegessen wird, können sie somit nicht mehr darstellen.
 
In diese Zeit fällt auch ein in die Philosophie hineinreichender Diskurs, an dem vor allem Wilhelm von Humboldt (1767-1835) mit seinem "Sprachlichen Idealismus" maßgeblich beteiligt ist. Seiner Sicht nach beschreibt Sprache nicht einfach nur die Wirklichkeit, sondern sie erzeugt sie vor allem. Dabei tragen die in verschiedenen Sprachen unterschiedlichen und der Linguistik zugehörigen Kategorien wie Morphologie (Aufbau von Wörtern mit kleinsten sich erklärenden Einheiten), Semantik (Zeichen und deren kontextabhängige Bedeutung in Wort und Text) sowie der Syntax (Satzlehre) zu unterschiedlichen Interpretationen der erlebten Realität bei und definieren diese somit neu. Demnach unterscheiden sich verschiedenartige gesellschaftliche und politische Einheiten - abhängig von ihrer Muttersprache - gerade auch in kultureller Hinsicht - maßgeblich nicht aufgrund "nur" diverser Begrifflichkeiten, sondern wegen ihrer heterogenen sprachlichen Strukturen. Auf der anderen Seite steht eine eher realistische Sprachauffassung, nach der die Umwelt und deren Dinge sich nichtlediglich aufgrund der sie bezeichnenden Begriffe verändern können.
 
Das 19. Jahrhundert gilt somit als das jenes der Sprachwissenschaft. Als sich 1871 der erste deutsche Nationalstaat gründet, scheint auch die Zeit für eine reichseinheitliche Normierung der Sprache gekommen zu sein. Doch erst dreißig Jahre später wird auch in diesem Bereich formal eine Einheit erzeugt sein. In den Achtzigerjahren des 19. Jahrhundert gibt es Bestrebungen, vor allem durch den "Allgemeinen Deutschen Sprachverein" (1885-1940), die deutsche Sprache von "undeutschen" Wörtern zu bereinigen. Nach dem als historisch empfundenen Sieg gegen den "Erzfeind" Frankreich richtet sich dieser puristische Eifer vor allem gegen das Französische in der vaterländischen deutschen Sprache. Oft werden jedoch als deutsch wahrgenommene Wortschöpfungen zwar eingeführt, gleichzeitig die ältere "frankophone" Form aber beibehalten (Anschrift - Adresse; Abteil - Coupe; Bahnsteig - Perron; Fahrschein - Billet; Couvert - Kuvert). Andere Vorschläge sind eher kurzlebiger Natur; so kann sich die "Rauchrolle" nicht gegen die "Zigarre" durchsetzen.
 
Auf dem Gebiet der Grammatik macht sich Konrad Duden bereits 1872 einen Namen mit seinem ersten Rechtschreibwörterbuch, dessen Regeln sich aber nicht in einer reichsweit als verbindlich geltenden Normierung durchsetzen können. Dies gelingt auch nicht der Ersten Orthografischen Konferenz, die zwar Beschlüsse zur Vereinheitlichung der Rechtschreibung fasst, in ihrer Umsetzung allerdings nicht die notwendige Unterstützung von oben erfährt. Dudens Motto: "Schreibe, wie du sprichst". Woran sich aber der deutsche Kaiser - sekundiert von seinem Reichskanzler Bismarck - nicht halten möchte - er ist beispielsweise zwar nicht grundsätzlich gegen eine Streichung des "h" in der Buchstabenkombination "th" und könnte wohl durchaus seinen allmorgendlichen "Thee" zukünftig auch als "Tee" einnehmen, aber auf einen "Thron" ohne "h" möchte er doch nur ungern Platz nehmen müssen. Gleiches gilt für das große "Thor" seines Schlosses, die "Thür" zu seinem Schlafgemach, sein kaiserliches "Thun" im Allgemeinen sowie das "Thal der Thränen" (welches zugegebenermaßen erst 1892 über eine Erzählung des russischen Schriftstellers Nikolai Leskow zu einem geflügelten Wort werden wird). Letztendlich ist es natürlich nicht der deutsche Kaiser, der eine gemeinsame und allgemein gütige Orthografie im Alleingang verhindert, sondern die Regierungen der einzelnen Länder des Deutschen Reiches.
 
Erst die Zweite Orthografische Konferenz von 1901 schafft eine allseitig verbindliche Klarheit und setzt die Reformvorschläge der ersten Konferenz durch. Der Kaiser jedoch muss zumindest seinen "Thron" nicht räumen.