Hochmittelalter

1050-1350

Mittelhochdeutsch

Landgrafenschloss Marburg

  • Klimatisches Optimum
  • Migration innerhalb Europas (West nach Ost)
  • Höfische Literatur
Das Klima in Europa wird günstiger und beständiger; erstmals entstehen auch migrantische Bewegungen von West nach Ost in bis dahin nur dünn und vor allem von Slawen bewohnte Gebiete. Das Zusammenleben von ehemals westeuropäischen Migranten aus unterschiedlichen (vor allem germanischen) Sprachräumen beschleunigt die Entwicklung einer Sprache, die zumindest im Bereich von Religion, Politik und Wirtschaft von möglichst vielen verstanden werden will und hinsichtlich einer sich weiter ausdifferenzierenden Gesellschaft auch muss.
 
Seine Ausgestaltung erfährt das nunmehr entstehende Mittelhochdeutsch vor allem in der höfischen Literatur. Die Kirche verliert ihre dominierende Stellung in der Entwicklung der deutschen Sprache.
 
Hatte das Althochdeutsche noch vor allem das Ziel, lateinische Wörter und Texte zu übersetzen und möglichst vielen der romanischen Sprachen nicht Mächtigen unter anderem vor dem Hintergrund der Christianisierung den neuen Glauben verständlicher zu machen, so kann beim Mittelhochdeutschen erstmals von einem Versuch gesprochen werden, eine Sprache unabhängig vom Latein zu etablieren.
 
Hier ist vor allem die Neben- und Endsilbenabschwächung zu nennen. Im Althochdeutschen lag die Betonung eines Wortes auf den damals noch unterschiedlichen Endungen, welche vokalisch volltönend waren. Flexionen (also Beugungen) eines Wortes nach Person, Numerus, Tempus, Modus, Genus und Kasus wurden somit direkt mit der Schreibweise des Begriffs angezeigt. Am Beispiel des Verbs "werfen" bedeutete dies konkret, dass das Wort "werfent" kenntlich macht, dass sie (Plural) werfen - und dies im Präsens und damit jetzt tun. Pronomen wie "sie" (werfen) wurden also nicht benötigt. Und stand im Althochdeutschen "wahen" für "wach werden", "wahhon" hingegen für "wach sein" wurde mit der nunmehr sich etablierenden Festigung des Wortakzents auf der Stammsilbe die Nutzung von Vorsilben ("aufwachen"...) notwendig. In den Jahrhunderten zuvor wurden auch Substantive nicht wie in neueren Zeiten durch Großschreibung und Anhängen von "heit" oder "schaft" ausgewiesen, sondern ebenfalls durch die Wortendung ("sconi" - "Schönheit", "scono" schön"). All diese im Wort selbst liegenden Variationsmöglichkeiten, die umfassenden grammatischen Informationen, müssen nun auf Pronomina, Hilfsverben und selbstständige Artikel ausgelagert werden.
 
Von einer Standardsprache hinsichtlich Orthografie und Wortschatz kann aber noch nicht gesprochen werden. Dichter und Minnesänger treten jedoch durch Setzung oder Verwendung überregionaler Begriffe aus ihrer Dialektbezogenheit heraus und werden in weiten Teilen des Heiligen Römischen Reiches verstanden.
 
Die Gründung von städtischen Ansiedlungen (die Mehrzahl der heutigen Städte werden in diesem Zeitraum gegründet oder finden vielmehr ihre urkundliche Ersterwähnung) und damit verbunden die Entwicklung der Verwaltung, des Handels und des Rechts sorgen für eine verstärkte Bedeutung des Mittelhochdeutschen - auch in den mit der Administration beauftragten Kanzleien. Die sich vor allem in den Städten wandelnden sozioökonomischen Bedingungen erkennen den Funktionen der Schriftlichkeit eine grundlegende Neubestimmung zu. Und war das Althochdeutsche noch eine Sprache für die Augen, so entwickelt sich das Mittelhochdeutsche nun als eine solche für die Ohren. Lyrik, Epik und Drama erfahren eine erste Entfaltung in einem volkssprachlichen Sinne. Dem niederen und ungebildeten Adel wird nun der soziale Aufstieg ermöglicht. Eine lateinische Vorbildung wie die Mönche hatten diese zuvor allerdings nicht erfahren. Das macht die Akzeptanz einer deutschen Sprache einfacher. Und so wie das Latein zuvor auf das Althochdeutsche einwirkte, so ist nun die Entwicklung und auch der damit verbundene Ausbau des Wortschatzes ohne den Einfluss des Französischen nicht denkbar.
 
In diese Periode fällt auch die Entwicklung der spätmittelalterlichen deutschen Familiennamen, was wichtig ist für das Zusammenleben in den Städten.
 
Der allmähliche Übergang zum Früh-Neuhochdeutschen setzt im 14. Jahrhundert ein.